Kennt ihr diese Malbücher, bei denen man nur Wasser aufträufeln muss – und wie von Zauberhand erscheinen die Farben? Klingt nach einer praktischen Sache, vor allem für Eltern: kein Farbkasten, keine Flecken, keine Sauerei. Doch so bequem das Ganze auch wirkt – für mich haben diese Bücher einen Haken.

 

Sie nehmen den Kindern die Möglichkeit, wirklich kreativ zu werden.

Denn das Ergebnis ist bereits vorgegeben. Das Kind muss nichts mehr ausprobieren, keine eigenen Ideen entwickeln, keine Entscheidungen treffen. Es „malt“ nicht, sondern füllt eine Aufgabe aus.

 

Dabei wissen wir aus der Entwicklungspsychologie: Kinder lernen durch Tun. Durch das Greifen, Kritzeln, Experimentieren. Kreativität entsteht genau dann, wenn etwas Ungeplantes passiert. Wenn die Farbe verläuft, wenn man eine neue Technik entdeckt oder wenn aus einem vermeintlichen Fehler plötzlich etwas Spannendes wird. Diese Erfahrungen sind unersetzlich – und sie fördern nicht nur Feinmotorik und Fantasie, sondern auch Frustrationstoleranz und Problemlösefähigkeit.

 

Wasser-Malbücher hingegen vermitteln ein falsches Bild von Kreativität.

Das Endergebnis ist immer perfekt, immer bunt, immer „schön“. Für Kinder kann das die Botschaft transportieren: Nur so ist es richtig. Alles andere, alles Eigene, alles Unvollkommene wird damit unbewusst entwertet. Perfektionismus im Bilderbuchformat.

 

Natürlich – ab und zu so ein Buch zur Unterhaltung schadet nicht. Aber wenn es darum geht, Kinder wirklich zu fördern, dann braucht es echte Materialien:

 

Buntstifte, Wachsmalkreiden, Pinsel und Wasserfarben.

 

Papier, das nicht nach fünf Strichen zerreißt.

 

Und vor allem: die Freiheit, auch mal über den Rand zu malen.

 

 

Denn nur so lernen Kinder, etwas Eigenes zu erschaffen. Etwas, auf das sie stolz sein können, weil es nicht schon im Voraus fertig war.

 

Kreativität ist keine Fähigkeit, die „irgendwann“ in der Schule gebraucht wird. Sie ist eine Grundkompetenz fürs Leben. Kinder, die ausprobieren dürfen, entwickeln Mut, Fantasie und Vertrauen in die eigenen Ideen. Das sollten wir ihnen nicht durch scheinbar praktische, aber im Kern sterile Malbücher nehmen.

 

Mein Fazit: Lieber mehr Farbe auf dem Tisch, als Perfektion auf Knopfdruck.

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